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Nedzada und Dominik: Spannende Bekanntschaften im Zug

Aktualisiert: 28. Juli 2019

Gestern um 08:54h Uhr begann am Bahnhof Liestal unsere Reise in die Türkei. Unsere erste Interaktionsaufgabe hatten wir schon am Tag zuvor erhalten und überlegten uns auf der Fahrt nach Zürich, wie wir diese am besten umsetzen sollten. Die Aufgabe war einige Leute im Zug zu befragen warum sie mit dem Zug reisen und nicht mit dem Auto oder Flugzeug. Um das ganze etwas aufzulockern fertigten wir einen interaktiven Fragebogen an, der sich als gute Grundlage für spannende Gespräche herausstellte.

In Zürich angekommen, stiegen wir schon 20 Minuten vor der Abfahrt in den Railjet nach Wien ein und konnten uns so einen der wenigen nicht reservierten Vierer sichern.


Dort trafen wir Severin, einen jungen Backpacker, der uns quer gegenüber sass und zum ersten Teilnehmer unserer Umfrage wurde. Er erzählte uns, dass er mit seinen Freunden eine Interrail-Reise mache. Diese seien aber schon unterwegs und er würde in Salzburg zu ihnen stossen, um dann Richtung Budapest weiterzufahren. Die Idee mit dem Zug zu reisen, sei allerdings nicht von ihm gekommen. Er tue dies der Umwelt zu Liebe und aus praktischen Gründen aber gerne.


Unsere nächsten Gesprächspartner waren unsere Sitznachbaren Luc und Franzi, die sich die zwei weiteren Plätze im heiss umkämpften Vierer sichern konnten. Sie reisten von Bern nach Vöcklabruck, bei Salzburg, wo Franzi herkommt. Mit ihnen unterhielten wir uns die Fahrt bis Salzburg über und liessen uns von ihrer Begeisterung beim Zuschauen der Finale der Schwimm-WM mitreissen. Auch wenn die Übertragung auf dem Handy zum grossen Unmut von Luc immer wieder durch längere oder kürzere (aber vor allem längere) Tunneldurchfahrten unterbrochen wurden, waren auch wir als Nicht-Schwimmfans völlig aus den Häuschen als Kristof Milak im Final der Männer über 200 m Delphin den 10 Jahre alten Weltrekord von Michael Phelps brach. Auch sie füllten unseren Fragebogen aus, erklärten uns aber, dass sie vor allem aus praktischen Gründen und wegen fehlender Alternativen den Zug genommen haben.

Als wir am 14:00h langsam vom langen Sitzen ein wenig Müdigkeit spürten, entschlossen wir uns, uns im Speisewagen einen kleinen Aufmunterungskaffee zu gönnen. Dort lernten wir Susanne und Jovita kennen, zwei Frauen aus der Schweiz. Susanne reiste nach Salzburg, für Jovita hingegen ging es mit dem Nachtzug in die Siebenbürgen. Beide erzählten uns, dass  sie vor allem der Umwelt zuliebe mit dem Zug reisen würden. Susanne meinte auch dass das Reisen immer ein Erlebnis mit vielen Begegnungen sei.  Ausserdem sei es nicht das gleiche, wenn man ohne diesen ganzen Prozess des Reisens durch Länder und Landschaften an einem völlig anderen Ort aus dem Flugzeug steigt.  Jovita meinte zudem, dass die Zeiteinsparnis beim Fliegen überschätzt werde, da die meisten Menschen nur die reine Flugzeit für die Reisezeit halten, obwohl man Stunden für An- und Abfahrt zum Flughafen und für das Prozedere am Flughafen draufgehe.


Am Ende wurde unsere Zugfahrt dann noch etwas spannend, da der Zug aufgrund einer kleinen Störung fast eine Stunde verspätet in Wien ankam. Unseren Anschlusszug erreichten wir zum Glück trotzdem noch rechtzeitig, aber auf unseren eingeplanten Verpflegungsstopp mussten wir leider verzichten. Zum Glück hatten wir uns vor der Fahrt grosszügig mit Snacks eingedeckt, so dass wir trotzdem bis zum folgenden Tag über die Runden kamen.


 


In unserem Schlafabteil im Nachtzug nach Bukarest machten wir dann die spannendste Begegnung unserer bisherigen Reise. Wir lernten unsere Mitreisende Cati kennen. Sie arbeitet in Wien einen Monat in der Pflege und fährt dann je einen Monat nach Rumänien zu ihrer Familie und dass obwohl sie schon Grossmutter ist. Sie erzählte uns von ihrem Hof in Mediasch, wo sie neben Gemüseanbau und einigen Nutztieren auch über 150 Bienenstöcke bewirtschaftet. Als Imkerin sei sie aber immer wieder damit konfrontiert, dass ganze Stöcke sterben, was sie auf den starken Pestizideinsatz der benachbarten Bauern zurückführt. Sie selber setzt bei der Zucht ihres Gemüses nur auf natürlichen Dünger ihrer Nutztiere. Da sie alte Sorten anbaue seien ihre Tomaten nicht selten pro Stück über ein Kilo schwer. Cati kann aber gegen das Sterben ihrer Bienen nicht viel mehr tun, als die Probleme der Polizei melden. Da sie jedoch keine Beweise hat, welcher Bauer die Pestizide verstreut, kann oder will die Polizei nichts unternehmen. Wir plauderten den ganzen Abend mit Cati und die Zeit verging wie im „Zug“.

Unser Gespräch ging von der rumänischen Innenpolitik, die mit massiver Korruption kämpft, bis zu Catis Erzählung, dass sie mit ihrer Familie regelmässig im Wald den Müll aufsammelt, um ihren Enkeln ein gutes Vorbild zu sein. Ihr Grund wieso sie mit dem Zug fährt, ist, dass sie diese Art des Reisens mag, auch wenn es mit dem Alter zunehmend anstrengend wird. Auch fühlt sie sich beim Autofahren oder im Flugzeug nicht wohl. Im Zug mache man immer neue Bekanntschaften und lerne Leute aus der ganzen Welt kennen. Das gefällt ihr.


 


Nach einer erholsamen Nacht, die nur durch die nächtlichen Zollkontrollen an den Schengen-Aussengrenzen gestört wurde, suchten wir den Speisewagen auf, um wieder Kaffee (oder das was dort als Kaffee verkauft wurde) zu tanken. Dominik bestellte sich trotz Catis Warnung vor der Hygiene in der Zugsküche ein Omelett, während Nedzada (hungrig) auf der sicheren Seite blieb. Bis jetzt geht es Dominiks Magen übrigens ausgezeichnet. Update folgt.


Unterhaltung wurde im Speisewagen durch gutgelaunte lokale Mitreisende geboten, die sich am 08:00h morgens schon grosszügig vom Kellner mit Bier und Schnaps eindecken liessen. Auch trafen wir im Speisewagen wieder auf Jovita, die wir schon im letzten Speisewagen getroffen hatten, und ihren Mann Hans-Ruedi, welche sich ebenfalls an das Omelett wagten. Mit ihnen plauderten wir noch eine Weile über unsere Reisen und die nachhaltige Mobilität.


Als Cati schliesslich aussteigen musste, verabschiedeten wir uns von ihr. Catis Sohn, der sie am Bahnhof abholte, hatte in Catis Auftrag noch zwei Gläser Honig mitgebracht, die uns Cati zum Abschied schenkte. Zum Glück haben wir unsere Adressen ausgetauscht, denn Cati und ihr Hof sind sicher mal einen Besuch wert!


 


Wir können uns den Meinungen von Severin, Luc, Franzi, Susanne, Jovita und Cati nur anschliessend und können die Vorteile des nachhaltigen Reisens mit der bisherigen Zugfahrt nur bestätigen. Diese Fahrt hat uns gezeigt, wie schön Zugfahren sein kann. Wir haben sehr tolle Leute kennengelernt, Neues gelernt und die Landschaft bestaunt.


 


Was uns am ersten ebenfalls beeindruckt hat, ist das Fehlen von sichtbaren Grenzen. Wir sind durch verschiedene Länder gefahren und haben keine Grenzen gesehen, mit Ausnahme der verschiedenen Modelle von Leitungsträgern am Gleisrand. Diese Idylle änderte sich schlagartig, als wir im Nachtzug nach Bukarest an der rumänischen Grenze den Schengen-Raum verliessen und um 03:00h Nachts geweckt wurden, um unsere Papiere vorzuweisen. Das hat uns nochmals deutlich vor Augen geführt, welches Glück wir haben, uns frei bewegen zu dürfen und wie ungerecht dieses Recht auf freie Bewegung in der Welt verteilt ist.


 


Hungrig und glücklich sind wir nun in Bukarest angekommen, wo wir eine Nacht verbringen bevor es morgen mit dem nächsten Zug nach Istanbul geht.


 


Wir werden euch am Ende aller unserer Blogeinträge noch einen Tipp zum Nachhaltigen Reisen mitgeben. Unser erster Tipp für nachhaltiges Reisen ist heute folgender:


 


Früche- und Gemüsesäckli aus Stoff



Nicht nur beim normalen Einkaufen Zuhause genial als Ersatz fürs Plastiksäckli, sondern auch auf Reisen ein Muss. Ob für den Transport von Früchten als Reiseverpflegung oder beim Einkauf auf dem lokalen Markt. 


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