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Marie: Start im Harz

,,Dann fahren wir also in den Harz“


Während bis kurz vor Aufbruchszeit stets unsicher war, wohin mich die Reisechallenge führen sollte, standen die Pläne für die ersten drei Tage eigentlich fest: Gemeinsam mit Marius, der mich übers Wochenende begleiten wollte, sollte es in den Schwarzwald gehen – regionaler und landschaftlich schöner konnten wir als Freiburger*Innen es uns kaum vorstellen. Schließlich machte uns das Wetter einen Strich durch den einzig bestehenden Plan – trotz oder vielmehr aufgrund der 40-Grad-Woche waren für das Wochenende starke Gewitter und Kälte angesagt. Somit fiel Campen und Wandern im Umland ins Wasser, eine neue Idee musste her. Letztendlich fiel die Entscheidung auf den Harz. Dort war Sonne angesagt und wir konnten günstig und spontan mit dem Sommerticket der Deutschen Bahn hochfahren. Zugegebenermaßen fand ich den Plan zunächst gar nicht so knüller – wenn man wie ich in der Nähe des Allgäus aufgewachsen ist und im Schwarzwald wohnt, haben andere Gebirge es denkbar schwer, mich zu beeindrucken. Aber ich hatte Lust, mich einfach darauf einzulassen und auch mal andere, mir unbekannte Ecken und Orte in Deutschland zu entdecken.

Die Zugfahrt von Freiburg bis ins niedersächsische Wernigerode verlief entspannt und ich merkte wieder einmal, dass der Zug einfach mein liebstes Verkehrsmittel ist: Man hat Platz, kann endlich mal die Mails schreiben die man so lange vor sich hinschiebt, kann sein Lieblingsessen mitbringen und hat im besten Fall Zeit für einen ausgiebigen Tratsch mit der Reisebegleitung. Toll für uns war auch, dass an diesem Wochenende ein Festival im Harz stattfand, wodurch wir junge und feierfreudige Menschen im Zug trafen. Viele von Ihnen sprachen uns an (und waren sichtlich überrascht, dass wir wandern anstatt zum Festival fahren), boten uns den ein oder anderen Drink an und halfen uns beim Lösen der ersten Interaktions-Aufgabe, nämlich dem Sammeln von nachhaltigen Reisegeschichten: So trafen wir Julius, der mit seinen Kumpels einen flugfreien Surftrip durch Spanien und Frankreich gestartet ist und dabei gemerkt hat, dass der Bus auch für den Transport von Sportausrüstung oft geschickter als das Flugzeug ist. Oder Gabriel, der total begeistert von einem Urlaub in der Steiermark erzählte, wo er nach einer glorreichen Alpenwanderung eine leckere Brotzeit auf einem Bauernhof snackte.



Angekommen in Wernigerrode nutzen wir den Bus, um zum Campingplatz in Elbingerode zu gelangen. Dort wurden wir von etwas ,,schroffen“, aber humorvollen Menschen in Empfang genommen und schlugen schließlich unser Zelt auf. Der Campingplatz entpuppte sich als positive Überraschung, denn er lag direkt an einem schönen Naturbad und hielt viele nette Gespräche für uns bereit. Besonders genossen wir es, dass wir mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt kamen. Sowohl mit kleinen Kindern und deren Eltern, als auch gleichaltrigen Reisenden und Senior*Innen. Das bereicherte unsere Zeit dort sehr und schuf neue Möglichkeiten. Zum Beispiel nahm uns unser supernetter Zeltnachbar Ingo im Auto mit zum Supermarkt, da wir ja selbst keines haben. Auch merkten wir, dass wir als Zugreisende weniger Equipment mitbringen konnten als unsere Nachbar*Innen, die u.a. Sitzgelegenheiten oder Feuerschalen dabei hatten. Doch schon am ersten Tag fanden wir eine Lösung: Wir tauschten unsere Wanderkarte stundenmäßig mit einem anderen Pärchen gegen deren Campingstühle und konnten so gemütlich frühstücken, ein nettes Gespräch gab es kostenlos dazu.

Die nächsten zwei Tage erkundeten wir dann den Harz. Richtig toll war für uns, dass jeder Übernachtungsgast im Harz das sogenannte ,,Hatix“-Ticket erhält, mit dem alle Öffis kostenlos genutzt werden können. So sparten wir uns eine Menge Geld und waren auch ohne Auto mobil. Aufgrund der recht unflexiblen Buspläne sind wir auch drei Mal getrampt und wurden immer super schnell von netten Reisenden eingepackt, die uns auch wiederum nette Kontakte bescherten. Auf diese Weise erkundeten wir den ,,blauen See“, der mittlerweile eher grün, aber dennoch wunderschön war. In Kalksteinklippen gelegen erinnert er sehr an die Calanques in Südfrankreich. Weitere Ausflugsziele waren die Hängebrücke über einem Staufluss sowie eine Wanderung zum größten Berg des Harzes, dem Brocken. Wir genossen die Zeit in der Natur und an der guten Luft ungemein. Der schönste Moment ergab sich jedoch nachts im Naturbad: Während ich bei Dunkelheit auf dem Rücken schwimme und auf diese Weise den Sternenhimmel sehen kann, wird mir klar: Jetzt ist Sommer und jetzt ist Urlaub – ganz egal, ob in fernen Ländern oder hier in Deutschland.



Am letzten Tag gönnen wir uns noch eine Nacht in Quedlinburg. Auch dorthin führt uns kostenlos der Bus. Als wir am Abend ankommen, können wir kaum fassen, wie wunderschön und idyllisch das kleine Städtchen ist: bunte Fachwerkhäuser und verwinkelte Straßen soweit das Auge reicht. Zu unserem Glück ist am Sonntagabend kaum etwas los in der Stadt und wir genießen zur Feier des Urlaubs einen feinen vegetarischen Flammkuchen, nachdem es leider die Tage zuvor recht schwer war, etwas fleischfreies zu finden. Für ein besonderes Extra des Abends sorgten schließlich unsere Tischnachbarn, ein junges Pärchen aus Berlin und Frankreich, das einfach fragte, ob sie sich noch zu uns setzen durften. Wir tranken noch ein Radler zusammen und ließen glücklich den Trip ausklingen.

Mein Zwischenfazit nach den ersten Tagen: Das Sommerticket der Bahn ist der Hammer (man kann für circa 100 Euro ohne Vorbuchung vier Zugfahrten inklusive ICE quer durch Deutschland unternehmen), der Harz ist schöner als gedacht, auch Wanderurlaub geht ohne Auto und sogar nur wenige Bundesländer entfernt, kann man ganz neue Mentalitäten kennen lernen.

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