29.07.2018

CHARLOTTE

TEAM UNFASSBAR

Ufer, Unfälle und Unfassbares

Die Strecke von Koblenz nach Basel entlang des Rheinufers ist ebenso geschichtsträchtig wie widersprüchlich.

Die historische Uferlandschaft ist weit vor der Römerzeit besiedelt. Die Fischerei und Fähren prägten die Wirtschaft von Augst im Mittelalter. Heute lädt ein Rhein mit Tiefststand zum zwar angenehmen aber eigentlich viel  zu warmen Bade.

Die Römerstadt Augusta Raurica hat Augst den Namen verliehen

Die Burgergemeinde hat den altehrwürdigen Gasthof direkt am Ufer stilvoll restauriert. Der am 14. Juli neu eröffnete „Adler“ beherbergt nicht etwa Adler auf seinem Dach, sondern:

Die unfassbar freundliche Wirtin findet unsere Mission so toll, dass sie uns mit einer grosszügigen Spende beglückt. Unfassbar!

In Kaiseraugst könnte ein Kernkaftwerk stehen wie hier in Leibstatt. Dieses ist aber am geschichtlich einmaligen Widerstand der Bevölkerung gescheitert, die das Baugelände 1975 während 11 Wochen ununterbrochen besetzte, bis das Projekt schliesslich 1988 ganz fallengelassen wurde.

Vielleicht hat der Chemieunfall von Schweizerhalle 1986 – der grösste in der Schweiz – mit zum Umdenken geführt. Das Löschwasser nach einem Grossbrand bei SANDOZ, führte zu einem Fischsterben im Rhein bis Mannheim. Gerade als wir hier durchfahren, erreicht uns die Nachricht vom Brand in Basels Rheinhafen.

Melanie erzählt uns an der Bar auf dem Tellplatz im „Gundeli“ davon: „Wir haben den beissenden Rauch in der Wohnung mehr als 2km entfernt gespürt gestern. ‚Bleibt in der Wohnung und schliesst die Fenster‘ war die Anweisung am Radio“, kommentiert sie, „gleichzeitig hörten wir: ‚Für die Bevölkerung hat keine Gefahr bestanden‘ – ist das nicht ein Widerspruch?“ Das gibt herausfordernde Bar-Gespräche. Niemand der Anwesenden möchte in einem solchen Moment zum Krisenstab gehören.

EVA UND MARIA

Recycling-Upcycling-Downcycling-Bicycling?

Nach dem wir vor verschlossener Tür der Jugendherberge gestanden sind, haben wir uns auf den Weg ins Upcycling-Studio gemacht, ein nachhaltiges, kreatives Projekt, das wir im Internet ausfindig gemacht haben. Leider mussten wir den Hinterhof etwas länger suchen, aber zum Glück hatten wir uns mit Vitaminen aus unserem Garten noch gestärkt.

Bei Hannes und Co. erhielten wir einen spannenden Einblick, wie man alte Dinge aufwerten kann (Upcycling). Besonders gelungen fanden wir den Tisch aus einer alten Scheunentür oder die alten Bauernlampen, die durch Sandstrahlen wieder das Flair von Designobjekten erhielten.

 

An unserem zweiten Tag ging es auf Picknickseinkaufstour in die Markthalle und danach zur dringend benötigten Abkühlung zum Lanser-See oberhalb der Stadt.

In der Ruhe am See hatten wir Zeit das Programm der nächsten Tage zu überdenken, da Eva’s Fuss sich der Wanderung zuverweigern droht. Daher bleib die Frage: Hinking or Bicycling?

Die Interaktions-Challenge „Führt im Zug ein gespräch übers (nachhaltige) Reisen“ haben wir bewältigt. Wir erfuhren von unseren Sitznachbaren im Zug, dass sie ihre Ferien sehr gerne mit der ganzen Familie über drei Generationen auf einer Alp im Ötztal verbringen. Die Anreise bewätigen sie stets mit Zug und Fussmarsch, was für sie entspannend ist.

 

KATJA UND MIMI

Als die zweite Interaktionschallenge bei uns eintraf, wissen wir eigentlich sofort, mit welchem Projekt wir gerne sprechen möchten: Rekola.

© rekola

Schon die ganzen Tage vorher sind wir Fans von den pinken Fahrrädern, die überall in Stadt verteilt sind. Problem: wir haben nur noch einen Abend in Prag, da wir am nächsten Tag nach Bratislava weiterreisen. Trotzdem haben wir sofort eine Mail geschrieben, welche zu unserem Glück in gleich schnellem Tempo beantwortet wird! Wir haben uns mit Jakub Fikejzl zum Abendessen getroffen und er hat uns alles über dieses Projekt erzählt.

Zuerst der Name: er setzt sich aus Re für Recycling und kolo, Fahrrad auf Tschechisch, zusammen. Das lässt auch schon ziemlich gut durchscheinen, was das Ziel ist: ein Bikesharing-Service in Prag. Alles begann mit ein paar Studierenden, die Fahrräder einsammelten, die entweder kaputt waren oder sonst nicht mehr gebraucht wurden, sie auf Vordermann brachten (inklusive rosaroter Anstrich, das sollte Diebe fernhalten) und sie dann wieder  verteilten, damit andere Studierende sie benutzen konnten. Diese Fahrräder hatten noch keine Schlösser, weshalb leider nach und nach immer mehr davon verschwanden. Das System begann erst richtig zu funktionieren, als Rekola eine App einführte. Auf dieser kann man sehen, wo sich ein Fahrrad befindet, bekommt den Zahlencode fürs Schloss und kann auch ganz einfach melden, falls etwas mit dem Fahrrad nicht in Ordnung sein sollte. Die ersten 15 Minuten Fahrt sind sogar gratis! Zusätzliches cooles Feature: jedes Fahrrad hat einen Namen und auf der App kann man diesen, plus mehr Infos dazu sehen. Es gibt also sowohl ein Harry Potter als auch ein Luke Skywalker Fahrrad in Prag – beide warten nur darauf gefunden zu werden.

Das System wurde so erfolgreich, dass es Rekola gelang, insgesamt sieben tschechische Städte mit Fahrrädern auszustatten. Obwohl dieses Wachstum natürlich erfreulich war, brachte es auch Probleme mit sich. Vor allem in Prag wurden die Fahrräder immer mehr genutzt (auch von Touristinnen und Touristen) und gingen so schneller kaputt. Die Reparatur gestaltete sich als mühsam, da die recycelten Fahrräder ja alle unterschiedliche Teile benötigten. Im Jahr 2016 gab es für Rekola eine neue finanzielle Möglichkeit und sie entschieden sich, ab jetzt ihre eigenen Fahrräder herzustellen. Das führte zuerst zu Unzufriedenheit, da es dem ursprünglichen Recyclinggedanken widerspricht, aber für Rekola war es die einzige Möglichkeit, längerfristig zu überleben. Und sie achten bei ihren Fahrrädern auf Nachhaltigkeit. Alle Teile stammen so weit wie möglich aus Tschechien oder der EU. Und wie gesagt werden kaputte Fahrräder nicht entsorgt (wie andere Bikesharing-Anbieter dies zu tun pflegen – Jakub zeigt uns eindrückliche Bilder von sogenannten bike graveyards), sondern repariert und dann wieder zum Einsatz gebracht.

Eine weitere Problematik ist die Fahrradunfreundlichkeit Prags. Nicht nur gibt es überall sehr viele Autos, sie werden auch politisch bevorzugt. Jakub erzählt, dass es wohl bald ein Gesetz geben soll, das Fahrräder in der Altstadt verbieten wird, weil es zu gefährlich sei (Autos werden natürlich weiterhin erlaubt sein).

Es bleibt also viel zu tun, um Prags Verkehr nachhaltiger zu gestalten und Rekola will an vorderster Front dabei sein. Für eine Städtereise finden wir Fahrräder das perfekte Fortbewegungsmittel. Falls ihr also in Prag seid, haltet definitiv Ausschau nach den leuchtend pinken Rekola-Fahrrädern.

Mehr Infos zu Rekola findet ihr auf ihrer Homepage: www.rekola.cz

Last but not least: dear Jakub, we wanted to thank you again in the big world wide web. It was so to talk to you, exchanging stories and laughs. Thanks for taking the time to meet us and also showing us around! #bestguideinprague 😍 (look we’ve used a hashtag!)

 

JILL UND JEREMIAS

Deich, Dorf und Schafgeblöke. Zugegebenermassen, der Küste nachzufahren kann ganz schön ermüden. Rechts, flachflachflach und grüngoldene Felder bis zum Horizont, links das platte Watt, die immer verschwundene See, ein Meer lässt auf sich warten. Und dazu Gegenwind, dass die Windräder verrückt rotieren. Ein bisschen Jammerei darf ja sein. Und so schlimm ist es auch wieder nicht. Die nordöstliche Gegend der Niederlanden wirkt etwas vergessen, still und Efeu überwuchert reihen sich die winzigen Backsteinhäusschen an den staubigen Dorfstrassen. Vielleicht evakuiert sich die Gegend schonmal vorsichtshalber von selbst, sollten die meterhohen Dämme eines Tages nicht mehr dichthalten. Unheimlich schön!

Auf die weitreichenden Wiesen um sein grosszügiges Anwesen nahe Uithuizen, lädt ein freundlicher Gutsbesitzer eher der Gastfreundschaft halber als dem Geschäftssinn nach, Radreisende und Campers zum zelten ein. Dort begegnen wir Fritz, mit seiner Reise-Ente.

Für den begnadeten Mechaniker ist nachhaltig, was sich reparieren lässt und nicht kaputt zu kriegen ist. Mit seiner Ente fährt er auch nie schneller als 80 km/h, wodurch er mit 6 Liter Benzin auf 100 Kilometer auskommt, sammt Klappzeltanhänger und zusätzlichem Reisegweicht einer Hündin. Von Elektroautos hält er gar nichts, deren Herstellung verursache einen unverhältnismässigen Ressourcenverbrauch, der hinterher durchs Stromfahren nicht mehr wettgemacht werden kann. Aber unser Tandem findet er toll, und Radfahren sowieso! Mit Fritz lösen wir die gestellte Interaktions-challenge: „Ertauscht euch ein Souvenir mit Personen, die ihr ansprecht und ihnen euer Ziel erklärt“. Gesagt getan, ein Hollunderblütensirup aus einem Selbstbedienungsladenkasten und ein Bier tauschen sich aus! Jüüüüüssssiii

 

VERONIKA

Keine Zeit für Worte, es wird gestrampelt von der Früh bis in die Nacht. Morgen mehr.

Reiseroute Veronika vom 29.7.