2.8.2018

VERONIKA

Die zweite Woche meiner Reise verbringe ich bei einer Freundin in der Nähe von Wien. Sie war es, die mich überhaupt für nachhaltiges Leben und vor allem Landwirtschaft begeisterte. Durch sie lernte ich, was Klimaschutz bedeutet, was foodsaving und -sharing ist, wie Foodcoops und Kochkollektive funktionieren (https://m.facebook.com/minimalkitchen/?locale2=de_DE). Sie versorgt mich mit Literatur (z.B. Naomi Klein – This changes everything) und beeindruckt mich immer wieder mit ihrem Engagement und Aktivismus (https://systemchange-not-climatechange.at/de/neuigkeiten/). Am ersten Tag nach meiner Ankunft verarbeiten wir tonnenweise Zwetschgen (zu Kuchen und „Powidl“, Zwetschgenmus) und Holunderbeeren (zu Sirup, schmeckt besonders gut mit Bier), bis unsere Finger tief violett sind. Wir sprechen über Reisen und dass Leute besuchen (bekannte oder noch nicht bekannte) viel spannender für alle ist, und wie Feminismus und Klimawandel zusammenhängen.

Auch von Ochsenherz erzählt mir die Freundin und so mache ich mich mit dem Fahrrad über die Felder und durch Wälder (und durch Strasshof – ein ewig langer Ort (sogenannte Marktgemeinde), in dem ein Eisenbahnmuseum steht, da die erste Dampfeisenbahn Österreichs von Wien dorthin fuhr) auf zur GeLa Ochsenherz (Gemeinsame Landwirtschaft). Den Betrieb gibt es schon seit vielen Jahren und er gilt als Vorzeigebetrieb im Bereich der CSA, community supported agriculture. Ochsenherz schreibt auf ihrer Homepage: „Dahinter steht, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb seinen Fortbestand nicht dadurch sichert, “marktgerecht” und “wettbewerbsfähig” zu produzieren, sondern indem eine Gemeinschaft von Menschen sich mit dem Betrieb verbindet, dessen Erzeugnisse verbindlich abnimmt und durch Beiträge, die von Produktpreisen entkoppelt sind, die Ausgaben der Betriebsführung abdeckt.“ Mehr dazu auch im Film „Bauer sucht Crowd“ (https://m.youtube.com/watch?v=Q4RoHopcAr8).

Aber beginnen wir am Anfang: Als ich ankomme, brennt die Sonne und die anderen sind schon auf dem Feld. Ich geselle mich zu ihnen, wir „zupfen Karotten“, jäten also die endlosen Reihen und verschaffen den zarten Karottenpflänzchen so wieder ein bisschen Luft. Rosi erzählt dabei ein wenig über den Betrieb. Momentan seien sie in einer Phase des Umbruchs, eine Übernahme steht an, die Gespräche sind schwierig. Gemeinsam essen wir in einem Wohncontainer und verkosten verschiedene Tomatensorten, die Valencia gewinnt eindeutig.

Ochsenherz verkauft auch Jungpflanzen und stellt eigenes Saatgut her, Firmen wie Monsanto haben hier keine Macht. Stattdessen werden Sortenvielfalt und biologisch-dynamische Landwirtschaft (Demeter) gross geschrieben. Etwa 180 Personen haben einen Ernteanteil beim Ochsenherz, meist mit Familien. Eine ganz schöne Anzahl Menschen also, die ihr Gemüse regional und saisonal beziehen können, in ausserordentlicher Qualität. Das kostet natürlich auch, aber nach den paar Stunden bei den Karotten weiss ich einmal mehr, warum: Landwirtschaft, Feldarbeit ist hart und hat nichts mit der romantischen Vorstellung von „im Liegestuhl den Pflanzen im Garten beim Wachsen zuschauen“ gemein.

Viel mehr kann ich den Ochsenherzen nicht entlocken, zu beschäftigt sind sie mit den internen Prozessen.

Ausserdem muss ich weiter, es wartet schon ein nächstes Abenteuer auf mich: Zwei weitere Projekte stehen noch auf dem Programm, lest in den kommenden Tagen selbst!

Danke an dieser Stelle für die Offenheit, das unglaublich leckere Mittagessen und es bleibt zu hoffen, dass am Ende des Übernahmeprozesses mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen stehen.

 

JILL UND JEREMIAS

Lösung der Interaktionschallenge „Kreiert gemeinsam mit anderen Personen eine Foto-Story zum Thema nachhaltige Mobilität“:

FOTOSTORY

Bevor wir uns geradeweg dem Komfort einer Wohnung und dem Stellplatz für ein Tandem nähern, fahren wir den kleinen Umweg über die südöstlich von Hamburg gelegene Boberger Niederung. Im 350 Hektar kleinen Naturschutzgebiet koexistieren hier auf engstem Raum die unterschiedlichsten Lebensräume, im wesentlichen handelt es sich um fünf charakteristische Naturräume. Auf den jeweiligen Bodentypen hat sich eine spezialisierte Flora entwickelt, welche zahlreichen gefährdeten Arten Lebensraum bietet. Im nördlichen Teil der Niederung hebt sich die bis zu 30 Meter hohe Geest auf, daneben wellen sich die grossen Binnendünen, die alsbald in die Heide übergehen, welche an gewissen Stellen in Brachland ausläuft und schliesslich dem Feuchtgrünland Platz lässt, dem landschaftstypischen Marschland. Schliesslich führen die schmalen Gehwege durchs Achtermoor. Die Unterschiedlichkeit der Vegetationszonen fördert eine vielschichtige Tierwelt, was die Einmaligkeit des kleinen Fleckens komplementiert.

Gut, aber über Naturschutzgebiete lässt sichs auch anderswo noch nachlesen, der kleine Exkurs war unser Begeisterung geschuldet. Unweit der Niederung, liegen die lauschigen Badewiesen der Dove Elbe, einem Nebenfluss der Elbe. Dort treffen wir auf Martha, die auch gleich Gelegenheit bietet, die letzte Interaktions-Aufgabe zu lösen: Kreiert mit anderen eine Fotostory zum Thema „nachhaltiges Reisen“. Martha geniesst ihre Sommerferien und fährt mit dem Fahrrad jeden Tag an irgendeinen Badestrand irgendwo rund um die Stadt. Heldin der nachhaltigen Freizeitgestaltung! Bewundernswerte Widersetzerin dem Diktat der unbegrenzten  Mobilität! Also dann, in Haaaaaambuuuurg sagt man tschüüühüs, das heisst auf Wieeeederseeeheen!

EVA UND MARIA

Wir haben die dritte Interaktionsaufgabe „Sucht, findet und schenkt ein nachhaltiges Geschenk und erklärt der beschenkten Person was dahinter steckt“ gelöst. Unsere Wanderkarte der Sextener Dolomiten haben wir einer Familie, die gerade am Bahnhof angekommen war und ihre Ferien in der Region noch vor sich hat, verschenkt. Sie freuten sich über das Geschenk und sagten, dass sie dies eine tolle Idee fänden.

VERONIKA

Es geht Schlag auf Schlag, die Tage sind gefüllt. Heute möchte ich von meinem Besuch bei Hut und Stiel (www.hutundstiel.at) erzählen.

Hut und Stiel ist ein junges Vorzeige-Start-up. Aufgebaut von zwei Studenten floriert es und ist momentan in einer Expansionsphase. Im Büro / Laden / „Garten“ treffe ich auf Fabian, der mir geduldig meine vielen Fragen beantwortet. Aber was macht Hut und Stiel überhaupt?

Die Idee ist einfach: Das Abfallprodukt Kaffeesatz (hier Kaffeesud genannt) wird verwendet um Austernseitlinge (auch Rindfleischpilz genannt, wegen seiner Konsistenz) anzubauen. Mitten in der Stadt, in einem unscheinbaren Keller – das Essen soll einen möglichst kurzen Weg zurück legen. Per Lastenfahrrad wird der Kaffee bei den Kaffeehäusern abgeholt, später werden die fertigen Pilze mit gleichem Transportmittel an Gasthäuser geliefert.

An und für sich eine geniale Idee, mittlerweile wird das junge Unternehmen teilweise sogar dafür bezahlt, dass sie den Kaffeesud mitnehmen (entsorgen wäre teurer).

Je nach Qualität des Suds muss der dann noch ausgepresst werden (momentan noch mit einem Entsafter), denn Kaffeesud von Filterkaffee beispielsweise ist zu feucht für die Pilze.

Dann kommt der Sud oder Kaffeesatz zusammen mit Kalk (um den pH-Wert zu korrigieren, in der Regel ist der Satz ein bisschen zu sauer), Kaffeehäutchen (Abfallprodukt aus der Kaffeeröstung, macht die Geschichte ein bisschen luftiger und vereinfacht es dem Pilz zu wachsen) und natürlich den Pilzsporen (wird momentan noch zugekauft, kleine weisse Punkte auf Hirsekörnern) in einen Betonmischer. Dieses Gemisch wird dann in Säcke abgefüllt und die Phase der Inkubation folgt: Das Pilzmyzel durchdringt das Substrat komplett.

Die Säcke hängen dafür in einem der Kellerräume – ab 30°C sterben die Pilze, es sollte also kühler sein. Gar nicht so einfach, denn die wachsenden Pilze heizen die Säcke und damit dem Raum ordentlich auf. Ist die Inkubationsphase abgeschlossen (der Sack ist dann fest und dicht, ähnlich wie Kaffeeverpackungen), werden die Säcke in einen anderen Raum gebracht und aufgeschnitten.

Dort muss die Luft frisch und feucht sein, und noch ein bisschen kühler. Bereits nach kurzer Zeit sind erste Fruchtkörper zu erkennen, die Pilze können wenige Tage später geerntet werden. Insgesamt dauert der Prozess etwa 5 Wochen – „fast food“ also…

Ich bin beeindruckt – vom Prozess, dem Fachwissen, und dem ganzen Konzept dieser jungen Menschen. Das Unternehmen ist durchgestylt und hip, von den Büroräumen bis hin zum Flyer. Ich kaufe ein – Pilz-Pesto und Sugo, Produkte der Verarbeitung von „B-Ware“, also z.B. kleineren Pilzen.

Mit Gläsern und Prospekt bestückt verlasse ich den Innenhof, in dem mitten in Wien ein Pilzimperium heranwächst. Ganz fassbar waren die Jungunternehmer bei aller Freundlichkeit nicht, zu glänzend ist das gezeichnete Selbstbild. Gleichzeitig habe ich gegen Ernährungssouveränität, lokale Produktion und Aufwertung von Abfallprodukten nichts einzuwenden. Auch soll durch mehr Pilz der Fleischkonsum verringert werden – ebenfalls ein unterstützenswertes Ziel. In den Gast- und Medienhäusern Wiens findet das Projekt grossen Anklang. Also für alle, die lieber Landwirtschaft in Kellern betreiben und auf der Suche nach Start-up Ideen sind: Geht in die Austernseitlingsproduktion auf Kaffeesatz.